Necias Traum

Necias Traum

Als ich erwachte und die Augen aufschlug, brauchte mein Geist einen Moment um sich zu orientieren.
Ich lag in einem weichen Bett aus Daunenfedern und hörte vertraute Geräusche aus einem angrenzenden Raum kommen.
Ich war in Etaya. In der Stadt in der ich geboren wurde und die ersten Jahrzehnte meines Lebens verbrachte. Ich war in meinem vertrauten Zimmer. Auf dem Regal an der Wand stapelten sich meine Bücher und die gesammelten Schriften meiner Mutter. Ein abgegriffenes Buch lag auf meinem Nachtschrank.
Ich schmunzelte, weil ich mir denken konnte, dass ich mal wieder beim Lesen eingeschlafen sein musste.
Langsam stand ich auf und zog mich an und band mir das Haar zusammen. Sanft klingende Stimmen drangen durch die Tür. Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete ich die Tür. Ich sah meine Mutter und meinen Vater in der Küche mit Geschirr und allerlei Küchenutensilien hantieren. Es duftete herrlich nach gebratenem Speck, Eiern und frisch gebackenem Brot. Efrea und Urah unterhielten sich über die vergangene Woche und über ein paar Geschäfte, die meine Mutter abgeschlossen hatte.
Sie sahen sich voller Liebe und Zuneigung in die Augen, während sie miteinander sprachen.
Ich könnte ihr Glück stundenlang beobachten.
“Mein Schatz, komm doch zu uns. Wir haben dir Frühstück gemacht”, sagte da meine Mutter und lächelte mich mit ihren warmen Augen an. Ich ging zu ihr und nahm erst sie, dann meinen Vater in den Arm ehe ich mich an den gedeckten Tisch setzte.
Während wir aßen konnte ich in jedem Bissen die Liebe und Zuneigung schmecken, mit der meine Mutter das Frühstück zubereitet hatte. Das mag merkwürdig klingen, aber es schmeckte nach Zuhause. Nach meinem Zuhause.

Nach dem Frühstück schlenderten meine Eltern und ich durch die Stadt.
Sie hatte sich verändert. Zumindestens hatte ich Etaya anders in Erinnerung.
Die Straßen waren voller Leute unterschiedlichster Rassen und an den Zäunen waren keine Inschriften zu erkennen. Ich grübelte nicht weiter darüber nach, sondern genoss diese angenehme Atmosphäre.
Händler hatten Buden und kleine Hütten und Fuhrkarren auf dem großen Platz angeordnet und boten die unterschiedlichsten Waren feil.
“Mutter, schau”, sagte ich und zog meine Mutter an der Hand zu einem Stand.
Glitzernde kleine Dosen und Schmuck war dort auf einem samtenen Tuch ausgebreitet und wunderschön anzusehen.
“Gefällt dir etwas, Liebling?”, fragte meine Mutter und sah mich an. Ich nickte, lächelte und zeigte auf zwei silberne Ketten, die den gleichen Flammenförmigen Anhänger zierten.
Meine Mutter fragte den Händler nach dem Preis und bezahlte die beiden Ketten schließlich nach ein paar Momenten des feilschens.
“Was haben meine beiden Mädchen denn schönes gefunden?”
Mein Vater war von hinten an uns heran getreten und schaute meiner Mutter über die Schultern. Ich strahlte ihn an, als meine Mutter mir die Halskette umband. Das Metall fühlte sich kühl, aber angenehm auf meiner Haut an. Mein Vater band meiner Mutter die andere Kette um.
“Steht dir!”, sagte er wohlwollend und küsste sie.
Wir gingen noch lange über den Markt und schauten uns die verschiedensten Dinge an. Von Schmuck über Kräuter, Körbe und Gewürzen war alles vorhanden, aber auch Waffen und Rüstungen wurden feilgeboten.
Wir kauften noch zwei neue Kleider für meine Mutter und mich und ein neues Wams für meinen Vater.
Denn am Abend sollte ein Fest der Einheit stattfinden. Dafür würden die Stände und Karren auf dem großen Platz verschwinden und es würde festlich geschmückt sein. Bunte Girlanden und hell leuchtende Lampignons wurden dafür aufgehangen. Lange Tische und Bänke aufgestellt und festlich gedeckt. Kleine Feuerstellen wurden am Rand errichtet und Musikanten würden spielen.
Ich fragte mich stets aufs Neue, wie alle das immer so schnell hinbekamen. Es mussten Stände und Karren abgebaut werden und für das Fest alles hergerichtet werden. Aber man sah nie jemanden, der sich beschwerte oder darüber jammerte das zu wenig Zeit blieb. Alles würde stets organisiert und schnell ablaufen. So war es schon immer gewesen.

Am Abend machten wir uns in unserem kleinen Haus am Rand von Etaya fertig. Ich zog das neue Kleid an, was schwarz-rot im Feuerschein der Kerzen im Haus leuchtete. Es war um die Taille eng geschnitten und fächerte sich nach unten hin auf. Meine roten langen Haare steckte ich mit ein paar Nadeln auf meinem Kopf fest.
Als ich aus meinem Zimmer trat, waren meine Mutter und mein Vater bereits fertig angezogen. Mein Vater trug das neue helle Wams, welches wir für ihn ausgesucht hatten. Dazu hatte er eine locker sitzende schwarze Hose und einen breiten braunen Gürtel angezogen.
Meine Mutter trug ihr neues blaues Kleid, das ihr wie angegossen passte. Ihre Haare trug sie offen, was ihr ein leicht wildes Aussehen verlieh, sie aber umso schöner machte.
Ich liebte sie. Meinen Vater Urah und meine Mutter Efrea. Sie waren alles für mich. Ich war alles für sie. Das war Glück. Anders konnte ich es mir nicht erklären.
Es war ein wunderschöner Abend auf dem Fest. Wir aßen viel und tranken und tanzten zur Musik, bis uns die Füße wehtaten. Wir lachten und sangen Lieder. Hielten uns an den Händen und umtanzten eine Feuerschale. Die Gesichte, die von den Flammen umhüllt waren, sahen so friedlich aus. Meine Mutter und mein Vater lächelten mich voller Liebe an. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen.

Die Musik war verstummt. Das Gelächter verklungen. Die sanften und liebenden Augen meiner Eltern verschwunden.
Die helle Umgebung des Festes war auf einmal dunkel geworden.
Mit Panik im Geiste sah ich mich erschrocken um. Es schwankte.
Ich hing in einer Hängematte.
Wo bin ich nur?
Holzdiehlen an der Wand, am Boden. Überall Holz. Knarrende Geräusche und Schritte über mir.
Dann dämmerte es mir mit einem Schlag.
Es war ein Traum. Meine Eltern sind tot. Ich bin alleine. So alleine.
Ich weinte noch lange, bevor ich erneut vom Schlaf übermannt wurde.

Necias Traum

Savahra Zer0PunchMan