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Variels Traum

Variel fand sich in einem dunklen Gang wieder. Direkt vor ihm eine alte Holztür. Wo waren die anderen? Waren sie nicht eben noch auf einem Schiff? Er konnte sich nicht erklären wie er hierher gekommen und was mit den anderen geschehen war…
Der Abenteurer sah sich um. Zu beiden Seiten erstreckten sich die Wände aus Stein um die 15 Meter lang und knickten dann ein. Der Gang wurde nur spärlich durch ein paar an den alten Mauern befestigten Fackeln erleuchtet. In einigen Metern Abstand waren weitere Holztüren in die Wände eingelassen. Der kalte Steinboden unter seinen Füßen fühlte sich vertraut an. Erneut blickte er auf die marode Eichentür. Genau betrachtete er die Risse und Sprünge im Holz. Der metallerne Türgriff war leicht verrostet, was bei der im Gang herrschenden Luftfeuchtigkeit kein Wunder war.

Plötzlich kam es über ihn.

Er kannte diese Tür. Es gab wohl kaum eine Tür (mit Ausnahme seiner eigenen Zimmertür) durch die er so oft geschritten war, wie durch diese. Vorsichtig legte er seine Hand auf den Griff und öffnete sie. Der Raum war durch ein offenes Fenster in helles Sonnenlicht getaucht und es dauerte ein paar Sekunden bis sich die Augen des Halbelfen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Das kleine Zimmer war noch genau so, wie er es in Erinnerung hatte.

Er erblickte eine Frau. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und war über das Bett gebeugt, um die darauf liegende Decke gerade zu rücken. Ihr braunes lockiges Haar fiel ihr bis knapp unter die Schultern und sie trug die Klostergewänder, an deren ständige Reinigung sich der Waisenjunge noch gut erinnerte. Konnte es tatsächlich Sie sein? Wie benommen machte er ein paar Schritte in die kleine Kammer und schloss die Tür hinter sich.

Die Frau richtete sich auf und drehte sich langsam um. Sie blickte ihn verdutzt aus ihren strahlend grünen Augen an. “Variel? Du schon wach?”, sagte sie. “Naja, dann muss ich dich Schlafmütze ja wenigstens nicht wecken”, setzte sie nach und grinste ihn an.
Erschlagen von dem plötzlichen Wiedersehen brachte der Halbelf nur wirre Stammeleien heraus, was die Menschenfrau mit einem leisen Kichern erwiderte. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und sah ihm tief in die Augen. Er verstummte.

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“Na, was haben wir heute denn so vor?”, fragte sie. Nach einigen Sekunden Stille, fasste sich Variel. “Keine Ahnung. Hast du denn heute keinen Felddienst?”, erwiderte er. “Wir haben doch unseren freien Tag, du Dummerchen.” Wieder kicherte sie. “Du wolltest mir doch irgendetwas zeigen.”

“Natürlich, wie konnte ich das nur vergessen. Du weißt ja wie ich Morgens immer bin.”, erklärte der Halbelf. Er machte einen kleinen Schritt nach vorn und schloss die Menschenfrau in seine Arme. Sie vergrub ihren Kopf in seiner Brust und lachte leise. “Was ist denn heute los mit dir? Du bist doch sonst nicht so anhänglich?”

“Ich hab dich eben vermisst”, antwortete Variel.


Variel führte die Menschenfrau über einen kleinen Markt. Es roch nach frisch gebackenem Brot und gegrilltem Hammelfleisch. Mit einem kleinen Korb, in dem eine ordentlich gefaltete Decke und eine kleine Öllampe lagen, in der einen Hand und seiner Gefährtin in der anderen Hand hielt er an diversen Ständen an und kaufte Brot, einige Würste, Käse und ein paar Äpfel. Er genoss das schöne Wetter und erschreckte sich schon beinahe, als die braunhaarige Frau an seiner Hand zog.
“Willst du mir denn nicht so langsam mal verraten was du vor hast?”, grinste sie ihn an. “Abwarten, es soll doch eine Überraschung werden.”, antwortete er, ihre Vorfreude genießend. “Du bist gemein”, erwiderte sie aufgesetzt beleidigt und stach ihm mit der freien Hand in die Schulterseite. Ein stechender Schmerz fuhr dem Halbelfen durch den Oberarm. Dumpfer Schmerz machte sich in seiner ganzen Seite breit und er gab sich alle Mühe sich nichts anmerken zu lassen. Der kleine Piekser hatte sich wie ein Brett angefühlt, dass ihm gegen den kompletten Körper geschlagen wurde. Leicht irritiert, aber entschlossen den Tag aus vollen Zügen zu genießen, setze er seinen Weg fort.

Am Dorfrand angekommen, meldete sich seine Begleitung wieder zu Wort. “Ich glaube so langsam weiß ich, wohin du mit mir gehen willst”, lächelte sie. Als sich der Waise zu ihr drehte um ihr seinerseits ein Lächeln zuzuwerfen, erblickte er für einen Sekundenbruchteil ein anderes Wesen an ihrer Stelle. Kurz, aber auch wirklich nur kurz, stand dort Glutauge. Ein Wesen, das ihn des öfteren in seinen Träumen besuchte. Variel hatte Angst vor ihm, war sich allerdings nicht mehr sicher warum. Es war schließlich alles in Ordnung. Während er darüber nachdachte, schossen ihm immer wieder Bilder von Personen in den Kopf, von denen er glaubte sie kennen zu müssen. Da war eine Truppe von Mitgliedern verschiedenster Rassen und er war ein Teil davon..

Er schüttelte den Kopf. Alles Hirngespinste. Warum sollte er irgendwo durch die Welt reisen und Abenteuer erleben. Hier war doch alles was er brauchte!
Wieder spürte er ein leichtes ziehen an seinem Arm. “Alles in Ordnung? Du bist einfach stehen geblieben.”, fragte die Menschenfrau. “Entschuldige”, antwortete er verlegen, “Ich habe wohl ein wenig zu sehr getagträumt.”


Endlich erreichten sie die Stelle. Es war ein einzelner Baum, der hoch auf einem Hügel mitten in einem Feld stand. Hier hatte ihr Variel vor all den Jahren seine Liebe gestanden. Von dort aus konnte man das Waisenhaus, das kleine Dorf in der Nähe und die umliegenden Wälder und Felder überblicken.

Er stellte den Korb ab, holte die Decke heraus und legte sie ausgefaltet auf den Boden. Die beiden legten sich hin, kuschelten sich aneinander und aßen etwas von den gekauften Leckereien. So verging, wie im Flug, der ganze Tag. Variel konnte sich kaum etwas schöneres vorstellen. Als der Sonnenuntergang den Himmel in ein sanftes Rosa tauchte, drückte sich die Menschenfrau noch einmal fest an ihn und ergriff dann das Wort: “Variel? Du musst mir jetzt ganz genau zuhören.”
Der ungewöhnlich ernste Ton irritierte den Halbelfen etwas und er drehte sich verdutzt zu ihr hin. Sie griff mit beiden Händen nach seinem Gesicht. In dem Moment, als sie seine Wangen berührte stand plötzlich wieder Glutauge an ihrer Stelle. Er ergriff Variels Kopf, sah ihm mit seinen brennend hellen Augen tief in die seinen und sprach mit ernster Stimme:

“Du musst jetzt aufwachen!”

Schockiert schreckte der Abenteurer hoch. Er befand sich inmitten eines majestätisch dekorierten Saals. Über ihn beugte ein vor Anstrengung keuchender Mann, mit weißem Bart. Um ihn herum standen seine Kameraden. Es war also alles nur ein Traum gewesen..

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Savahra RunninNoob